Meer, Ama-Taucherinnen und das stille Japan zwischen den großen Städten
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Diese Etappe unserer Japan-Reise haben wir zusammen mit Japanspecialist geplant und erlebt.
Fast alle fahren in Japan von Tokyo schnurstracks nach Kyoto. Wir sind dazwischen ans Meer abgebogen, runter in die Präfektur Mie, gerade mal 2,5 Zugstunden von Tokyo entfernt. Drei Nächte in Toba, an einer Bucht, die in keinem Standard-Reiseplan auftaucht. Und ehrlich, es wurde der schönste Teil unserer zwei Wochen.
Nach vier Tagen Großstadtgewimmel in Tokyo waren wir alle bereit für Meeresrauschen, Onsen und einen Blumenstrauß an kulturellen Eindrücken. Also Koffer gepackt und ab in den Shinkansen, der Natur entgegen.
Toba liegt an der Küste von Mie, südwestlich von Tokyo. Mie ist eine Präfektur, die selbst viele Japaner nur vom Hörensagen kennen. Hier kommt die Hälfte aller Zuchtperlen Japans her, hier wächst das Matsusaka-Wagyu heran, eines der zartesten Stücke Fleisch der Welt und nicht selten teurer als ein ganzer Wochenendtrip. Und hier steht der heiligste Schrein des Landes, der Ise Jingu, umgeben von über hundert weiteren Schreinen. Ein Bonus für die Kids: Mie ist eine der historischen Heimaten der Ninja, und ihre Spuren findet man bis heute.
Trotzdem trifft man kaum internationale Touristen. Stattdessen eine ruhige Bucht nach der anderen und eine Natur, die uns in ihrer Vielfalt echt überrascht hat: Wald, der direkt ins Meer kippt, kleine Fischerorte, viel Grün und sogar Sandstrände.
Die Anreise: Shinkansen und mit etwas Glück einen Blick auf Mt. Fuji erhaschen
Vor der Zugfahrt hatten wir etwas Bammel. Wie schafft man es in Japan mit Kindern bloß, zur richtigen Zeit mit Tickets, Koffern und im Idealfall einer Bento-Box unterm Arm (das ist schließlich der Inbegriff einer Shinkansenfahrt) am richtigen Gleis, in der richtigen Reihe zu stehen? Am Ende war alles halb so wild.
Die Koffer konnten wir schon vorab von unserem Hotel in Tokyo in den Ryokan (was genau das ist, lest ihr unten) vorausschicken lassen. Das geht wirklich einwandfrei und einfach. An der Rezeption trägt man die Adresse des nächsten Hotels auf einen rosa Zettel ein, der am Koffer befestigt wird. Das Gepäck macht sich dann schon einen Tag vorher auf den Weg und wartet meist bereits im Zimmer. Für die eine Nacht dazwischen hatte jeder einen kleinen Packing Cube mit der Kleidung für den nächsten Tag dabei, und so konnten wir nur mit unseren Rucksäcken bepackt fast federleicht in den Schnellzug steigen.
Kleiner Tipp, wenn ihr den Shinkansen nehmt: rechts sitzen, in Fahrtrichtung. Irgendwo auf Höhe von Shizuoka taucht für ein paar Minuten der Fuji auf. Den Platz kann man schon bei der Buchung reservieren und zahlt dafür einen kleinen Aufpreis (ca. 5 Euro). Wir hatten leider kein Glück, denn es war an dem Tag sehr bewölkt.
Die Fahrt mit dem Shinkansen war dann ein Erlebnis für sich. Diese fast unwirkliche Mischung aus High Speed und absoluter Ruhe: über 300 km/h, aber kein Ruckeln. Der Zug fährt auf die Sekunde pünktlich ab, alles ist blitzsauber und durchorganisiert, und irgendwie versteht man auf dieser einen Fahrt ziemlich viel über Japan. Präzision, Respekt, Liebe zum Detail. Und spätestens mit dem Ekiben, der Bento-Box fürs Gleis, auf dem Klapptisch war auch der letzte Rest Bammel verflogen.
Beim Umstieg in die kleine Regionalbahn wurde es immer leerer. Die Küste tauchte auf, und die Kinder klebten am Fenster, weil das Meer so verlockend blau leuchtete.
Unser Ryokan in Toba: traditionell und familientauglich
Geschlafen haben wir in einem familienfreundlichen Ryokan direkt an der Bucht, ausgesucht von Japanspecialist, mit denen wir diesen Teil unserer Japanreise geplant haben. Und weil wahrscheinlich viele mit dem Wort Ryokan wenig anfangen können: Ein Ryokan ist kein Hotel. Es ist ein traditionelles japanisches Gasthaus, oft seit Generationen in Familienhand. Statt im Bett schläft man auf einer weichen Matratze, dem Futon, der abends auf den Strohmattenboden (Tatami) gelegt wird.
In einen Ryokan kommt man aber nicht in erster Linie zum Schlafen, sondern zum Runterkommen. Das ganze Konzept ist auf Entschleunigung ausgelegt. Während des Aufenthalts trägt man eine Yukata, einen leichten Baumwollkimono. Die bekommt man direkt beim Check-in, auch die Kids.
Zum Runterkommen gehört vor allem das Baden. Die meisten Ryokan haben ein Onsen, ein heißes Bad, das aus einer mineralreichen Thermalquelle gespeist wird und in Japan fest zur Kultur gehört. Unser absolutes Highlight war die private Variante davon: ein eigenes Rotenburo, ein heißes Freiluftbad direkt auf dem Zimmer und mit Blick ins Grüne. Bäume rauschen, irgendwo singt ein Vogel, und man liegt einfach im warmen Wasser und lauscht.
Ein eigenes Kapitel ist das Essen, vom mehrgängigen Kaiseki am Abend bis zum herzhaften Frühstück, das besonders viel Energie für den Tag liefert.
Essen im Ryokan: Kaiseki für uns, Bento für die Kinder
Wir hatten Halbpension während unseres Ryokan-Aufenthalts. Abends gab es Kaiseki, ein mehrgängiges Menü, Gang für Gang im Restaurant serviert. Wir saßen in abgetrennten Bereichen und konnten ganz für uns essen. Auf der Karte standen fast ausschließlich Fisch und Meeresfrüchte aus der Bucht vorm Fenster. Wir Eltern haben jeden Gang gefeiert. So gut war das.
Und die Kinder? Bekamen ihre eigene Bento-Box. Bunt, frisch, lauter kleine Schälchen, alles aus der Region. Keine Pommes, keine Extrawurst. Und sie haben alles aufgegessen. Kinderessen ist hier einfach gutes und vor allem gesundes Essen, nur hübsch angerichtet.
Morgens gab es ein Frühstück aus zig kleinen Schälchen, fast alle mit regionalen Mie-Spezialitäten. Gegrillter Fisch, eingelegtes Gemüse, Reis und Misosuppe, dazu Tee. Für uns das genaue Gegenteil vom Hotelbuffet und ein richtig ruhiger Start in den Tag.
Ryokan-Etikette in Kurz und wie es mit Kids funktioniert
Falls ihr wie wir zum ersten Mal in einem Ryokan übernachtet, ist am Anfang vieles neu, aber nichts kompliziert. Schon am Eingang zieht man die Schuhe aus und schlüpft in Hauspantoffeln, und die Yukata darf man danach den ganzen Tag tragen, auch zu den Mahlzeiten. Vor dem Onsen heißt es erst mal gründlich duschen, sitzend auf dem kleinen Hocker. Beim Kaiseki am Abend sollte auf Pünktlichkeit geachtet werden, denn das Menü startet zur fixen Zeit.
Zwei Dinge, die Eltern im Vorfeld oft beschäftigen: Das gemeinschaftliche Onsen ist nach Geschlecht getrennt und gebadet wird nackt, was sich mit Kindern nicht für jede Familie richtig anfühlt. Ein Zimmer mit eigenem Onsen oder Freiluftbad ist in dem Fall die perfekte Lösung, dann badet ihr als Familie für euch. Und falls ein Kind keinen Fisch mag oder eine Unverträglichkeit hat: Abneigungen und Allergien gibt man am besten schon bei der Buchung durch, dann stellt sich die Küche darauf ein und keiner sitzt unglücklich am Tisch. Dabei helfen euch auch die Experten von Japanspecialist gerne.
Im Ryokan gilt die ruhige japanische Etikette für alle, ganz selbstverständlich. Trotzdem, oder gerade deshalb, waren erstaunlich viele Familien da, und die Kinder haben sich überall ganz natürlich in diese Stimmung eingefügt. Unsere Kids hatten sichtlich Spaß daran, in all die kleinen Rituale hineinzuwachsen, vom Schuhe-Ausziehen übers Verbeugen bis zum Expertenlevel mit den Stäbchen. Für uns das schönste Zeichen, dass so ein Aufenthalt mit Kids wunderbar funktioniert.
Tagesausflug nach Ise: Ursprung der japanischen Geschichte
So schön es im Ryokan ist, den ganzen Tag drinnen bleiben wollten wir natürlich nicht, dafür gibt es rundherum viel zu viel zu entdecken. Unser erster Ausflug führte uns nach Ise, nur 15 Minuten mit der Bahn von Toba entfernt. Beim Aussteigen am Bahnhof wirkt der Ort klein und unspektakulär. Aber manchmal sind die schönsten Ausflüge die, von denen man es am wenigsten erwartet. Nach fünf Minuten durch eine kleine Einkaufsstraße steht man plötzlich vor 5.500 Hektar uraltem Zedernwald. Der Ise Jingu ist kein einzelner Schrein, sondern ein ganzer Komplex aus 125 Schreinen, verteilt über die Stadt und drumherum. Der Äußere Schrein liegt im Zentrum.
Der wichtigste ist aber der Innere Schrein, der Naiku, etwa 4 km vom Stadtzentrum entfernt und mit dem Bus in rund 20 Minuten zu erreichen. Er ist der Sonnengöttin Amaterasu gewidmet, der Stammgöttin der Kaiserfamilie. Alle 20 Jahre wird er komplett aus Holz neu aufgebaut, exakt nach demselben Plan, seit über 1.300 Jahren. Das letzte Mal 2013, das nächste Mal 2033. Bis heute kommt die Kaiserfamilie regelmäßig hierher.
Was wir bei dieser Busfahrt gelernt haben: In Japan steigt man hinten in den Bus ein und bezahlt beim Aussteigen vorne beim Busfahrer, der sich dafür mit einem „Arigatō gozaimasu” bedankt. Am einfachsten funktioniert das mit der Suica Card. Mehr Infos dazu findet ihr in diesem Beitrag: Japan mit Kindern.
Die Schreine in Ise haben uns mit ihrer Weitläufigkeit Ruhe, die sie ausstrahlen, in ihren Bann gezogen. Da wurden selbst die Kinder ganz andächtig. Man läuft erst über einen Kieselweg durch den Wald, wäscht sich am Brunnen die Hände und verbeugt sich unter dem Torii. Am Haiden, dem Spendenaltar, werden durch zweimaliges Klatschen die Götter gerufen. So ein Schreinbesuch hat einen ganz eigenen Zauber, von dem man sich begeistern lassen darf.
Danach zog es uns durch die alte Gasse Okage Yokocho, mit Mochi, handgemachten Udon-Nudeln und gegrilltem Fisch an jeder Ecke. Hier zerfiel nichts in getrenntes Kinder- und Erwachsenenessen, es gab einfach richtig leckere Sachen, und die Kinder suchten sich selbst aus, was ihnen schmeckte. Wichtig zu wissen: In Japan isst man niemals im Gehen. Selbst wenn ihr nur eine Kleinigkeit zum Probieren bestellt, werden euch Stühle oder Bänke angeboten, auf denen ihr euch zum Essen hinsetzen könnt.
Am Nachmittag machten wir noch einen Abstecher zu den Meoto-Iwa, zwei Felsen im Meer, verbunden durch ein dickes Strohseil. Der größere gilt als Mann, der kleinere als Frau, die beiden Götter, die in Japans Mythologie das Land erschaffen haben. Eine Verbindung, aus der eine Familie wird. Auch wenn der Ort mit dem riesigen Parkhaus und Einkaufszentrum davor erst wenig spektakulär wirkt: Sobald man durch den ersten Torii tritt und neben dem Meer entlangläuft, ändert sich das Gefühl schlagartig.
Verstecke, Wurfsterne, Schattenkrieger: Ninja-Abenteuer bei Ise
Wer mit Kids zwischen 5 und 10 Jahren unterwegs ist, findet das Ise Ninja Kingdom in Futami bestimmt spannend – nur einen Steinwurf von den Meoto-Iwa entfernt. Vom Bahnhof Toba bringt euch ein kostenloser Shuttle in rund 30 Minuten hin, also deutlich näher als das berühmte, aber weit im Landesinneren gelegene Iga.
Drinnen wartet ein kompletter, nachgebauter Burganlage aus der Samurai-Zeit rund um eine lebensgroße Azuchi-Burg – mit Ninja-Haus, Shuriken-Dojo und Bogenschießen, dazu ein Trick-Labyrinth nach der Iga-Schule des Ninjutsu und sogar eine Zipline durch den Wald. Wir selbst haben es zeitlich nicht mehr geschafft und konnten nur aus dem Bus einen Blick auf das Gelände werfen, aber es wirkt genau nach diesem Ort, an dem Kinder sofort im Abenteuer verschwinden.
Solche Orte abseits der großen Routen stehen selten in klassischen Reiseführern. Wir lassen uns dafür gerne bei Japan Tourismus (JNTO) inspirieren, wo unzählige kleine Schätze vorgestellt werden, die abseits der bekannten Routen liegen und einem ganz nebenbei das Gefühl geben, Japan noch ein Stück besser kennenzulernen.
Die Ama-Taucherinnen von Osatsu
Der zweite Tag wurde der, über den wir bis heute am meisten reden. Mit dem Bus ging es 45 Minuten die Küste entlang nach Osatsu, vorbei an wildem Wald, kaum ein Mensch, dazwischen immer wieder ein kurzer Blick aufs Meer.
Osatsu ist ein kleines Fischerdorf auf einer Halbinsel, eigentlich nur eine Handvoll Häuser an der Bucht. Die Ama gibt es hier seit Jahrhunderten, Taucherinnen, die ganz ohne Sauerstoffflasche nach Meeresfrüchten und Perlen tauchen. Bis zu 20 Meter tief kommen sie, und das oft bis weit in ihre Siebziger und Achtziger hinein. Sie tauchen nur mit einem Bleigewicht, und beim Auftauchen holen sie Luft mit einem hellen Pfeifton, dem „isobue”, dem Seepfiff von Mie.
In einer einfachen Hütte haben sie am Feuer für uns gekocht. Diese Frauen, fit wie ein Turnschuh trotz ihres Alters, haben uns so fasziniert, dass uns erst hinterher auffiel, dass dort niemand Englisch sprach. Reden konnten wir also kaum miteinander, und trotzdem haben wir uns verstanden.
Aquarium oder Perleninsel: die Kinder entscheiden
Den Nachmittag durften die Kinder bestimmen. Zur Wahl: die Mikimoto Perleninsel, wo die weltweit erste Zuchtperle entstand, oder das Toba Aquarium mit über 1.000 Tierarten. Bei uns hat das Aquarium gewonnen. Für einen Regentag oder einfach kleine Meerestier-Fans ist es ein sicherer Treffer.
Wie man so einen Ryokan und passende Familien-Erlebnisse überhaupt findet
Die wirklich besonderen Ryokan haben oft keine englische Website und stehen auf keiner internationalen Buchungsplattform. Reserviert wird meist auf Japanisch. Dieses Haus und die ganze Mie-Route hätten wir allein nie gefunden.
Deshalb haben wir mit Japanspecialist geplant. Die Agentur gehört zu einem der größten und ältesten Reiseunternehmen Japans mit über 100 Jahren Geschichte. Das Team ist regelmäßig selbst in Japan unterwegs und bringt immer wieder neue Eindrücke und Tipps mit. Besonders hilfreich: Sie denken familienfreundlich und stimmen die Route darauf ab, was zu welchem Alter passt. So entsteht eine Reise, die nicht nur schön geplant ist, sondern auch wirklich funktioniert. Und man selbst kann vor Ort dann einfach nur genießen.
Was Familien-Ryokan ungefähr kosten: gehobene Häuser mit Halbpension und privatem Onsen liegen je nach Saison bei etwa 200 bis 350 Euro pro Person und Nacht, einfachere Häuser kann man ab 120 Euro buchen. Klingt erstmal viel, aber zwei warme Mahlzeiten auf Kaiseki-Niveau sind in den meisten Fällen inklusive, und das allein ist den Preis schon wert.
Warum sich der Umweg lohnt
Toba und Ise stehen nicht auf den klassischen Routen einer Japan Rundreise mit Kindern zwischen Tokio und Kyoto. Und genau das macht sie so besonders. Wer mit Kindern durch Japan reist und mehr sucht als die bekannten Städte wie Tokyo, Kyoto oder Osaka, findet hier ein ruhigeres Stück Land mit viel Natur, Kultur und kleinen Momenten abseits der bekannten Wege. Ein Japan, das leiser ist und trotzdem lange nachwirkt. Vielleicht ist genau das der Grund, warum uns dieser Naturstopp so in Erinnerung geblieben ist.
Diese Etappe war Teil unserer 14-tägigen Japan Rundreise mit Kindern. Von Toba aus sind wir mit dem Zug weiter nach Nara und Kyoto. Wer dazu noch mehr lesen will, wird im Beitrag Kyoto mit Kindern fündig.

























