Natur, wie ihr sie noch nicht gesehen habt
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Diese fünf Orte könnten geografisch kaum weiter auseinanderliegen. Verbinden tut sie nur eines: eine Natur, die größer ist als jedes Animationsprogramm. Rentiere, die ungerührt die Straße queren. Eine Welle, die rosa Granitfelsen umspielt. Ein Sternenhimmel über einer 300 Meter tiefen Schlucht. Störche auf alten Schornsteinen. Berge, die in der Abendsonne brennen.
Keiner dieser Orte steht in den klassischen Familien-Bestenlisten ganz oben. Kein Mallorca, kein Gardasee, kein Klassiker, den ohnehin jede zweite Familie schon abgehakt hat. Diese fünf sind für Familien, die Natur lieber spüren als konsumieren. Und für Kinder, die nach drei Tagen ohne Tablet vergessen haben, dass es eines gibt.
1. Salla: Wo das Polarlicht über den Kiefern leuchten
Salla im Lappland nennt sich selbst „in the middle of nowhere”. Und meint es ernst. 220 Kilometer nördlich des Polarkreises, näher an Murmansk als an Helsinki, lebt der Ort vom Gegenteil dessen, was die meisten Reiseziele heute verkaufen. Stille, die man hört. Rentiere, die mitten im Naturpark stehen und schauen, wer als Erstes blinzelt. Ein Lichtspiel am Himmel, gegen das jede physikalische Erklärung verliert.
Tagsüber ziehen Husky-Schlitten durch verschneite Wälder, abends sitzt die Familie in der Kota um ein Feuer. Die einheimischen Bewohner erzählen Geschichten, die schon ihre Großeltern erzählt haben. Nicht inszeniert für Touristen, sondern weil sie zum Ort gehören.
Beste Reisezeit: Ende Februar bis Anfang April für Polarlichter, denn dann kommt das Licht zurück.
2. Burgenland: Storchennester und ein See zum Durchwaten
Wer Burgenland hört, denkt Wein. Heurige. Vielleicht noch Schloss Esterházy. Das Eigentliche übersehen die meisten: das Burgenland ist Naturgenuss pur! Mit den westlichsten Ausläufern der eurasischen Steppe, und der Neusiedler See ist der einzige Steppensee Mitteleuropas, UNESCO-Welterbe, im Sommer kaum tiefer als 1,80 Meter.
Im Nationalpark Neusiedler See – Seewinkel brüten Störche. Graugänse ziehen in V-Formation über Salzlacken. Auf den Hutweiden grasen Steppenrinder und ungarische Wollschweine, die aussehen, als hätten sie ihren Friseurtermin verpasst. Eine Stunde von Wien entfernt, und doch weit genug weg, dass hier in eine andere Welt abtaucht.
Was Kinder mitnehmen: Das Gefühl, dass Natur nicht weit weg sein muss, um wild zu sein.
3. Bretagne: Wenn das Meer in sechs Stunden 13 Meter steigt
Die Bretagne erzieht Kinder zum Staunen, auf die schönste Art. Bei Saint-Malo verschiebt sich die Wasserlinie zweimal täglich um bis zu 13 Meter. Wer am Vormittag noch trockenen Fußes über den Sand zu einem Felsen läuft, sieht am Nachmittag Boote dort fahren, wo die Sandburgen standen. Hier findet ihr alle Lieblingsplätze in der Bretagne.
Die rosa Granitküste bei Ploumanac’h sieht aus, als hätte ein Riese vergessen, seine Skulpturen mitzunehmen. Kinder klettern stundenlang. Eltern atmen Atlantik. Abends gibt es fangfrische Crêpes in einem Hafen, in dem die Boote noch nach Tang riechen statt nach Diesel.
Familien-Tipp: Die Westküste der Bretagne ist wilder und weniger besucht als die Côte de Granit Rose. Dort liegen Buchten, in denen die Familie sich tatsächlich allein hat.
4. Ardèche: Im Kanu durch 300 Meter hohe Felswände
Die Ardèche-Schlucht ist ein Grand Canyon im Kleinformat. 300 Meter tiefe Felswände, an denen Geier und Wanderfalken kreisen. Dazwischen ein Fluss, so klar, dass Kinder die Flussbarsche zwischen ihren Beinen schwimmen sehen. Familien paddeln in offenen Kanus die 24 Kilometer zwischen Vallon-Pont-d’Arc und Sauze. Ab etwa sechs Jahren machbar, mit Stopps an Kieselstränden und in versteckten Höhlen.
Was viele nicht wissen: Die obere Ardèche ist offiziell als „Réserve Internationale de Ciel Étoilé” zertifiziert. Übersetzt heißt das Sternenhimmel, wie ihn die meisten Stadtkinder nie zu sehen bekommen. Milchstraße, Satelliten, Sternschnuppen, alles mit bloßem Auge.
Wichtig: Mai, Juni und September sind ruhiger als die Hochsaison. Das Wasser ist dann schon warm genug, das Licht ist besser, die Stille auch. Lieblingsorte und Tipps für einen Roadtrip durch diese Region findet ihr hier.
5. Dolomiten: Wenn die Felsen in der Abendsonne brennen
Es gibt Berge. Und es gibt die Dolomiten. Das Gestein ist fossiles Korallenriff aus der Trias, und es wirft das Licht der untergehenden Sonne anders zurück als jeder andere Stein der Alpen. Enrosadira nennen die Einheimischen dieses Glühen. Familien bekommen hier eine seltene Kombination: hochalpine Wildnis mit dem italienischen Lebensgefühl Südtirols. Hütten mit echter Küche statt Touristenmenü. Wege, die mit kinderwagentauglichen Etappen anfangen und in luftige Höhen führen.
Unser Tipp: Nahe Meran in Lana findet man Orte, die tatsächlich noch das halten, was die Postkarten versprechen.
Was diese fünf Orte gemeinsam haben
Sie sind nicht spektakulär, weil jemand sie inszeniert. Sie sind spektakulär, weil sie sich nicht inszenieren müssen. Kinder spüren diesen Unterschied sofort, auch wenn sie ihn nicht benennen können. Wer mit Familie reist, hat am Ende immer dieselbe Wahl. Noch ein Themenpark, noch ein All-inclusive-Strand mit Animation um zehn und um drei. Oder ein Ort, an dem die Kinder zum ersten Mal verstehen, dass die Welt größer ist als sie. Und dass das eine gute Nachricht ist.
Welcher dieser fünf ist eurer?


















